Short Story: The other end of the story

Eigentlich wollte ich ja eine Kurzgeschichte schreiben über diesen Mann, aus einer ganz normalen Stadt, mit einem ganz normalen Leben, kurz – über diesen ganz normalen Mann, der eines Tages beschliesst, etwas ganz Aussergewöhnliches zu tun und sich sofort aufmacht um die Gelegenheit dazu zu finden. Ich hätte ihn Rudolf Meier genannt. Weil das ein ganz normaler Name ist. Der Name ist so lächerlich normal, dass er mich abschreckt. In der Schweiz heissen eine Menge normaler Leute Rudolf Meier. Und in der Schweiz sind ziemlich viele Leute normal. Naja, der Dreh der Geschichte wäre gewesen, dass dieser Mann, auf der Suche nach einer Gelegenheit, etwas völlig Abnormales, Aussergewöhnliches zu tun, diese Gelegenheit – völlig unerwartet – bekommt. Aber dann, als er sie auch wirklich wahrnehmen will, diese einzigartige Chance, was wirklich Einzigartiges zu tun, wird er – Wumm – von einem Auto überfahren. Von einem ganz normalen Auto in einem ganz dämlichen, völlig unspektakulären Unfall. Das wäre dann das Ende der Geschichte gewesen. Auf jeden Fall für ihn. Die Moral der Geschichte? Ich bin nicht einer von denen, die dem Aussergewöhnlichen feind sind.  Ich hätte damit nicht sagen wollen: Leute, folgt bloss nicht euren Träumen! Bleibt bei dem, was die Gesellschaft euch als normal diktiert! Nein, ganz im Gegenteil. Meine Message wäre gewesen. Verwirklicht eure Faszination – es ist wert, dafür zu sterben.

Naja, ich hab das dann doch nicht geschrieben. Es blieb beim Entwurf. Und jetzt werde ich auch nie mehr schreiben. Dieser Nachmittag  war so strahlend schön. Der Himmel war so sattblau, dieses tiefe Blau, dass einen die Tiefe des Raumes erahnen lässt. Die Sonne war klar und angenehm warm. Frühling halt und das ganze zog mich nach draussen. Und dann bin ich ins Auto gesessen und hab einen Freund angerufen. Zusammen sind wir dann in die Stadt gefahren und haben den Tag in einer Bar, drausssen in der Openair-Lounge genossen und sind später am Abend noch an den See um die Abendsonne einzufangen. Auf dem Nachhauseweg ist es dann passiert. Ich hab mich verfahren in Zürich und musste rückwärts aus einer Einbahnstrasse heraus – peinlich, peinlich, jemand kam mir entgegen und da war kein Platz zwischen all diesen parkierten Autos und dann musste ich halt, mit rotem Kopf, wohl oder übel zurücksetzen. Kann sein, dass ich ein bisschen fest auf’s Gas getreten bin in dieser dummen Situation. Dann fing das alles an mit einem ganz üblen, trockenen Aufschlag von hinten. Ich hab natürlich sofort gestoppt, aber das hat ihn nicht retten können, wie der Arzt eine halbe Stunde später sagte, hat es auch gar keinen Unterschied gemacht, der Mann war sofort tot, er hatte sich beim Sturz vom Fahrrad das Genick gebrochen. Ja er war sofort tot, das sah man beim Aussteigen sofort, der Kopf war so unnatürlich verdreht – nicht sehr fest, aber doch so seltsam verdreht, dass man das gleich sah – auch als Laie – dass da etwas sehr Wichtiges nicht so war wie es sein sollte. Aber auch in dieser unnatürlichen Haltung hatte der irgendwie glücklich ausgesehen. Der hatte auch im Tod immer noch einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Ja, die Augen waren offen. Beide. Und so starr, aber das Gesicht sah irgendwie friedlich aus. Der hatte sich auch sonst nicht mehr bewegt, gleich als wir ausgestiegen sind schon nicht mehr. Der war wirklich sofort tot. Ich habe den auch nicht angefasst, da kam einer von Schutz und Rettung Zürich, der ist zufälligerweise vorbeigefahren, als das passiert ist und der hat sofort alles in die Hand genommen und auch den Krankenwagen und die Polizei alarmiert. Naja, es war Einbahnstrasse, auch für Fahrräder und der Mann war auch auf der falschen Strassenseite unterwegs und eine Reihe weiterer Tatsachen die zumindest moralisch mich von einem Teil der Schuld entlasteten. Sie haben mir dann auch seinen Namen gegeben – er hiess Rudolf Meier – aber ich habe – trotz intensivem Nachforschen – nie herausgefunden, was diese einmalige Gelegenheit war, um die sich wohl seine Gedanken gedreht haben müssen, als er sich- völlig unerwartet – mit einem rückwärts fahrenden Auto konfrontiert sah.