Von Kapitalismus, Armut und CIA

In Ecuador sind verschiedene Angelegenheiten, die in der Schweiz auch am Stammtisch und in der offiziellen Politik diskutiert werden, kein Thema. Der Bürgermeister der Grossstadt Guayaquil, ein politisches Schwergewicht, soll laut kürzlich in Buchform erschienenen Zeugenaussagen unter einer vorhergehenden Regierung in Folterungen involviert gewesen sein. Eine ziemlich konfuse, zweistündige Rede desselben morgens um 7 Uhr war die Antwort. Wer redete danach noch darüber? Niemand. Der Präsident soll von den FARC Wahlkampfgelder erhalten haben. Dokumente scheinen dies zu belegen. Skandal! Der Präsident streitet es ab. Wer redet noch darüber? Welche Konsequenzen hatte es? Keine.

Nicht nur in der Politik sondern auch in der öffentlichen Verwaltung, im Justizwesen, in der Privatwirtschaft und auch in der Gesellschaft hat Unrecht, Miss- und Vetternwirtschaft, Verantwortungslosigkeit und grobe Fahrlässigkeit oft einfach keine Konsequenzen. Und niemand redet darüber. Schlicht und einfach kein Thema. Warum?

Verkehrte Welten. Ort: Schweiz. die Gutbürgersprosse, die am 1. Mai gegen das Kapital demonstrieren, welches sie an den anderen 364 Tagen des Jahres verkörpern, machen sich in ihren Designer-Jeans lächerlich. Ort: Ecuador. Jeglicher Diskurs an der Basis fehlt, hier existiert politischer Aktivismus nicht, niemand ruft “Macht kaputt was euch kaputt macht”, es werden keine Mercedes-Sterne ausgerissen, hier wird nicht auf Kühlerhauben rumgesprungen, anstatt freie Liebe gibt’s Machismo. Die handvoll Familien der Mittelklasse sind keine Unterstützung für das Land, weil sie gerade in Miami in der Sonne liegen und auf diese Leistung gehörig stolz sind.

Meine Ecuadorianischen Kolleginnen, eingefleischte Sozialisten, sagen, der Kapitalismus sei schuld. Mittels Grossunternehmen und deren Werbung unterjoche und fehlinformiere er die Gesellschaft, instrumentalisiere uns als Arbeitskräfte und kritiklose Konsumenten. Erziehe uns zum Gehorchen und Ausführen auf das die “Dicken” noch mehr Geld scheffeln können.

Ich halte dagegen, der Kapitalismus sei nur ein System, das auf den Grundwerten der Gesellschaft aufbaue. Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Gleichheit als Basis? So würde wahrscheinlich sogar der Sozialismus funktionieren. Wenn diese Grundwerte in einer Gesellschaft nicht genügend ausgeprägt sind, funktioniert halt keines der Ressourcenallokationssysteme.

Während dieser Diskussion merke ich, dass meine Argumente, meine ganze ausgebreitete Wirtschaftstheorie, hier ganz überraschenderweise nicht gutgeheissen wird. Das funktioniere für Europa, aber nicht für Südamerika. Ich wende ein, Armut habe nichts mit Kapitalismus zu tun sondern mit der Produktivität der Volkswirtschaft und der daran anschliessenden Verteilungsgerechtigkeit? Nein? Nein! Die Spanier hätten es vor 500 Jahren in Südamerika gründlich vermasselt, als sie den damals sozialistisch organisierten Inkas das Gold raubten, welches diese ihnen eigentlich geschenkt hätten, weil ihnen “Geld” oder “Gold” sowieso kein Begriff war. Damals lehrten sie den Ureinwohnern ein für alle mal, dass das goldene Metall mehr Wert war als ihr Leben. Die Ursprünge des radikalen, menschenverachtenden südamerikanischen Kapitalismus. (Und der Sozialismus in Nicaragua wäre ein Erfolg gewesen, wenn die CIA die nicaraguanische Revolution nicht zu Fall gebracht hätte.)

Heute fragen 30-Jährige Frauen ihre Väter ob sie “auswärts” (bei einer Freundin versteht sich) übernachten dürfen und beugen sich dann dem meistens negativen Entscheid des Patriarchen. Wo nicht genügend Selbstvertrauen vorhanden ist, um sein eigenes Schicksal in die Hände zu nehmen, da kann keine politische Handlungskraft entstehen. Feminismus? Noch nicht mal ansatzweise.

Fluchen ist eine Sünde und vor dem Schlafengehen wird gebetet. Sex ist ein Tabu. Bei jeder vierten Schwangerschaft in Ecuador ist die Mutter eine Minderjährige. Vater davongelaufen? Ausbildung abgebrochen? Kein Problem, die Grosseltern kommen für den Unterhalt auf. Yo no soy machista y qué? titelt die Aufklärungskampagne der Regierung. Währenddessen lachen wohl die meisten jungen Männer frech “Yo soy machista, y qué? Häusliche Gewalt, Alkoholismus, Vergewaltigungen und dicke Autos gehören hier zur männlichen Selbstverwirklichung und werden im beliebten Reggeton, einem Pendant des amerikanischen Gangster Hiphops, zelebriert.

Und wer ist nun daran schuld? Kapitalismus, Armut oder CIA? Oder dauern die Nachwirkungen der Unterdrückung durch die Spanier wirklich immer noch an? Auch nach 500 Jahren noch? Sind es die Imperialisten, die Europäer und Amerikaner mit ihren Einfuhrzöllen und den sorgsam gehorteten Technologien, die Südamerikas Rohstoffe schamlos ausbeuten? Der IWF und die Weltbank und ihr Neoliberalismus? Oder vielleicht die Ecuadorianer selbst, unfähig, ihre natürlichen Ressourcen zu veredlen, die Produktion zu industrialisieren und die Wertschöpfung im Lande selbst zu vollziehen?

Und die Europäer, die die (ehemaligen) Kolonien seit jeher ausbeuten, sind sie nur deshalb so reich? Und ist die frühe Industrialisierung Englands wirklich auf den gewinnbringenden Sklavenhandel zurückzuführen? Was für Europäer konfus klingen mag, ist hier Geschichte. So, wie sie der Verlierer schreibt, für einmal.

Fragen zu stellen wäre dringlich, um die öffentliche Meinungsbildung überhaupt erst herbeizuführen. Denn hier ist das Centro Comercial ein Hobby, das Auto ist Selbstbewusstsein und Papas Fritas ist eine Lebensphilosophie. Aber wo niemand antwortet, da fragt auch niemand.