Reflexion: Das Grosse Krabbeln

Ich bin zufrieden. Mir geht es richtig gut. Zwar ein klein wenig müde, aber durch die Velofahrt an die Uni hinauf hab ich mir auch noch den letzten Schlaf aus den Augen reiben können. Genau die richtige Spur Adrenalin. Kommt hinzu, dass ich es endlich mal geschafft habe rechtzeitig aufzustehen damit ich vor 8 Uhr an der Uni bin. Heute werde ich im täglichen Kampf um einen Studienplatz in der Bibliothek der St. Galler Hochschule für Wirtschaft (HSG) zum ersten Mal ganz, ganz, ganz vorne sein. Nachdem mir gestern jemand meinen geliebten Eckplatz auf dem Balkon weggeschnappt hat. Ja überhaupt, jeder verfügbare Sitzplatz ist besetzt. Die Lernphase ist angebrochen.

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass es leider keine Alternative gibt. Auch der Trick mit dem an die stählerne Fussstange des fest installierten Schreibtisches angeketteten Laptops hat sich als Schlappe erwiesen. Am nächsten Morgen, komfortabel um halb Neun, war der Laptop zwar noch da, doch alles nicht niet- und nagelfeste musste ich zusammen mit einem Rüffel bei der wenigstens sehr hübschen Bibliothekarin abholen.

Nun, man geht ja den Weg des geringsten Widerstandes. Doch der Widerstand hat sich leider als so gross erwiesen, dass ich zähneknirschend die Motivation aufgebracht habe, früher aufzustehen. Das gab’s bei mir bisher noch nie. Zurück zu meinem Morgen. Frohgemut geht’s auf die Biblio zu, aber, man glaubt es kaum, vor den verschlossenen Bibliothekspforten hat sich bereits eine Menschentraube gebildet, die um Viertel vor Acht (!!!) schon auf der Lauer ist. Mir graut es, doch was bleibt mir anderes übrig, als mich zu ihnen zu gesellen?

Eine geschlagene Viertestunde, während der ich über die Opportunitätskosten sinniere, wird gewartet, bis der Bibliothekar, mit uns armen Seelen spielend, grinsend zuerst die falsche Tür öffnet und uns dann definitiv hineinströmen lässt. Der Typ vor mir meint zynisch, einfach Kopf oben behalten, der Rest geschieht ganz von alleine, bevor er im reissenden Menschenstrudel durch die Tür gesogen wird. Und schon bin ich an der Reihe: Unter Ächzen und Stöhnen, von hinten gestossen, links und rechts mit Ellenbogen auf der Bahn gehalten, werd ich in Richtung Tür bewegt. Der Druck erreicht sein Maximum und meine faltbare Kiste mit meinen Utensilien beginnt sich von selber zusammenzulegen, als es plötzlich Luft wird um mich. Strike! Im Eilschritt durch das Foyer, einem smarten HSGler folgend, der einen Vorteil ausnutzend, die entgegenkommende Tür nimmt, kurz vor einem andern in den Gang einschwenkend, jetzt im Laufschritt die Treppe hinauf, ruhiger zwischen den Büchern hindurch und still stehe ich da. Die Bibliothek jungfräulich, weitläufig, leer und still wie ein Alpenpanorama beim Sonnenaufgang. Mein Platz da. Setzen, Utensilien ausbreiten, Laptop anschliessen. Interessiert zusehen, wie das grosse Krabbeln beginnt. Es krabbelt, bis die Bibliothek nach 10 Minuten gerammelt voll ist. Bis auf den letzten Platz.

Da erfährt man das Prinzip von Angebot und Nachfrage an eigenem Leibe. Da soll noch einer sagen, an der HSG werde nur graue Theorie vermittelt. Wenigstens, so sagen die älteren Semester, sei es empirisch belegt, dass kurz vor den Prüfungen die Bibliothek wieder leerer werde. Leute, die aufgegeben haben, so mein Mitbewohner ironisch. Ich werde auf jeden Fall bleiben und das nächste Mal um Punkt Acht dastehen, wegen den Opportunitätskosten.